Sommer 2007 in Hamburg
Ich glaube es nicht - wir haben den 29.7.2007, 14.30 Uhr, und gerade sitze ich mit Wollsocken und dicker Strickjacke vor dem PC und friere noch immer…
Ich glaube es nicht - wir haben den 29.7.2007, 14.30 Uhr, und gerade sitze ich mit Wollsocken und dicker Strickjacke vor dem PC und friere noch immer…
Die Aktion “Kein Ei mit der 3″ ist eine beliebte gruene Aktion, um Verbraucher insbesondere um die Osterzeit darauf aufmerksam zu machen, wie Eier aus Kaefighaltung zu identifizieren sind. Eigentlich dachte ich, die Kennzeichnung mit 1, 2 oder 3 ginge auf eine EU-Vorschrift zurueck, im Belfaster Tesco blitzte mir dann heute allerdings eine “9″ entgegen. Somit muss ich wohl der Packungsaufschrift vertrauen und glauben, dass die Eier aus Freilandhaltung kommen.
Nur eine Kuriositaet auf dieser Insel, was die Ernaehrung angeht… so suchte ich vorgestern mittag in einem Shop mittlerer Groesse vergeblich nach irgendeinem Getraenk ohne allzu viel Zucker, doch neben diversen Varianten von Cola, Energzdrinks und Fluessigkeiten in verdaechtig grellen Farben fand sich lediglich Wasser im Regal. Meine Entscheidung, doch einen knallroten “sugar reduced Cranberry juice” zu waehlen bereute ich mit dem ersten Schluck - es schmeckte einfach nur suess.
Viel haette ich darum gegeben, gestern ueberhaupt ein Getraenk waehlen zu koennen, doch als ich um kurz vor 19 Uhr die Bibliothek verliess, waren saemtliche Laeden gerade dabei, die Rolllaeden herunter zu fahren. Einzige Nahrungsquelle in der Innenstadt samt Umgebung schien nach 19 Uhr der internationale Konzern mit dem grossen “M” zu sein. Nie haette ich gedacht, als ich daraufhin den Rest meiner Paprika des Vortages knabberte, wie sehr ich die deutsche Tankstellenmentalitaet vermissen wuerde.
Darueber hinaus, das wurde mir schon haeufiger klar, merkt man entfernt von “Good old Germany” doch immer wieder, wofuer man GEZ-Gebuehren zahlt. Beim Anblick von einer “Reality-Show” nach der anderen (unter anderem gilt dabei die Begegnung mit Kuehen und Schafen als zu zelebrierendes Highlight) auf saemtlichen Kanaelen erscheint selbst die Tour-de-France-Uebertragung auf Sat 1 ploetzlich serioes.
Es ist schon irgendwie kurios, wie der nordirische Tourismusverband den hiesigen Konflikt zwischen Unionisten und Nationalisten vermarktet, der in der Hauptstadt an zahlreichen Stellen sichtbar zu Tage tritt.
Patriotische Wandmalereien, “Memorial gardens” fuer Opfer des Konfliktes sowie die lange Mauer zwischen der katholisch besiedelten Falls Road und der protestantisch dominierten Shankill Road werden zu viel besuchten touristischen Highlights.
Als ich vor etwa anderthalb Jahren zum letzten Mal hier war, machte auch ich eine so genannte “Black Taxi Tour”, bei der jene Ziele angesteuert und vom Taxifahrer erlaeutert werden. Inzwischen kann man sogar “guided walks” mit ehemaligen politischen Haeftlingen buchen. Und den Hoehepunkt bildet, wie ich finde, die kleine Broschuere, die mir gestern in die Haende fiel. Sie zeigt all jene beschriebene Art von “Highlights” rund um die Falls Road auf, insgesamt 32, und wirbt mit www.visitwestbelfast.de .
Also nehme ich mir die Broschuere und mache mich auf den Weg in Richtung Falls Road. Gleich zu Beginn komme ich mir an der 4-spurigen Strasse etwas fremd und verloren vor. Waehrend der “Troubles” passierten hier die meisten Morde, viele davon auf offener Strasse. Links liegt “St.Mary’s Primary school” mit komplett vergitterten Fenstern. Ein noch verbarrikadierterer Kindergarten folgt wenig spaeter auf der rechten Strassenseite. Ein Stueck dahinter verlaeuft die etwa 4 Meter hohe Wellblech-Mauer mit Stacheldraht, die diese Strasse von der katholischen Shankill Road trennt.
Auf der gegenueberliegenden Strassenseite kommen mir zwei Asiaten entgegen, offensichtlich Touristen - jetzt fuehle ich mich doch nicht mehr ganz so fremd. Wohl allerdings auch nicht. In einem Hinterhof erkenne ich eine kleine Wandmalerei mit keltischen Symbolen, rund um den Schriftzug “Failte”. Das Wort heisst im Irischen “Willkommen” und laeuft meinem derzeitigen Gefuehl diametral entgegen, weshalb ich umdrehe und lieber zurueck in die City laufe.
Auf dem Weg kommt mir ein “Belfast City Sightseeing Bus” entgegen. Wirklich moegen tu ich die Dinger auch nicht, trotzdem sitze ich 10 Minuten spaeter in ebensolchem, um die “Falls Road” nochmal in der klar erkennbaren Rolle als Touristin ganz hoch zu fahren. Zurueck geht es ueber die protestantische Shankill Road, wo vor knapp einer Woche ein grosses “Bomb Fire” stattfand, bei dem eine riesige irische Flagge verbrannt wurde. Die Auswirkungen sind deutlich sichtbar - viele verkokelte Reste und halb geschmolzene Ampeln und Strassenschilder…
5 Minuten entfernt, im City Center, erinnert nichts an jene Bilder. Lediglich die ab und zu vorbeifahrenden Polizeifahrzeuge, die kleinen Panzern aehneln, lassen einen als Touristen die Stirn runzeln. Besonders froehlich, gruen und friedlich ist das zentrale Uni-Viertel, wo ich mich ab morgen verkriechen werde, um dieses seltsame Land weiter zu erforschen.
Derweil bleibt zu hoffen, dass proportional zur staerker werdenden touristischen Vermarktung des Konfliktes Gewalt und gesellschafliche Separierung zurueckgehen.
Slan abhaile
“Es kann nicht sein, dass ein hohes Parteigremium nur mit Funktionären besetzt ist. Auch die Basis muss vertreten sein“, erklärte Julia sinngemäß bei ihrer Kandidatur für den Parteirat auf der grünen Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) im vergangenen September. Sie wurde im ersten Wahlgang gewählt - Krista Sager brauchte hingegen mehrere Anläufe, Katrin Göring-Eckardt schaffte es gar nicht.
Nun gehöre ich nicht zu jenen, die glauben, dass Julia allein auf Grund ihrer “Basis-Funktion” im Parteirat sitzen sollte, aber unbestritten ist wohl, dass sie bei ihrer Kandidatur an das “ur-grüne” Bedürfnis der Bewahrung und Stärkung basisdemokratischer Elemente innerhalb der Partei appellierte, das auch ich sehr begrüße. Meist scheinen bei jenem “Wir hier unten wollen Einfluss auf die da oben”-Spiel die Fronten klar, doch die letzte Woche bekannt gewordene Ausrichtung eines Sonderparteitages zur Frage des Tornadoeinsatzes in Afghanistan scheint nun die Parteibasis auf paradoxe Art zu spalten.
So beinhaltet die Satzung der Partei die Regel, dass eine Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) zu einem Thema abgehalten werden muss, wenn 10% aller Kreisverbände (KVs) sich in einem Beschluss explizit dafür aussprechen. Dies entspricht einer Zahl von 44 Stück, und wie Steffi Lemke vergangenen Freitag mitteilte, wurde diese Quorum nun erreicht, so dass für den 15.9. eine eintägige BDK geplant ist.
Gestern nun erreichte mich ein Aufruf an die Kreisverbände, jenen Parteitag gezielt zu boykottieren. So beinhaltet die Satzung nämlich zudem die Regel, eine BDK sei nur dann beschlussfähig, wenn 30% aller stimmberechtigten Mitglieder anwesend sind. Die BDK-Gegner schließen daraus nun, dass der Parteitag nicht stattfinden könne, wenn mindestens 70% der Kreisverbände bewusst entscheiden, keine Delegierten zu entsenden.
Mobilisierung der Basis, um ein basisdemokratisches Satzungsinstrument zu boykottieren!? “Herzlichen Dank für das Aufmucken gegen die satzungskonforme Dikatur der Minderheit“, schreibt GAL-Urgestein Martin S. ironisch.
Auf jeden Fall zeigt die rege Diskussion, dass das Ziel der 70% Boykotteure kaum eintreten wird. Man möge zum BDK-Thema und den dadurch entstehenden Kosten stehen, wie man will - stattfinden wird der Parteitag im September wohl.
“Oh, ist das toll”, “Ich bin nahezu perfekt geeignet für das, was sie suchen” oder “Ich habe alle Aufgaben perfekt gelöst” - ob in der Schule, im Job oder sonstwo, übertriebene Schleimerei und ein billiges Ranschmeißen an Menschen, deren Wohlwollen einem eventuell mal in irgendeiner Form von Nutzen sein könnte, waren mir seit eh und je zuwider.
Dass diese Taktik jedoch tatsächlich manchmal von Erfolg gekrönt ist, erfuhr ich, als ich vorhin S. und L. zu einer Wohnungsbesichtigung in bester Lage mitten in Ottensen begleitete. 3 Zimmer, Altbau, neues Laminat, großer Balkon, ruhige Lage - nach relativ wenigen Blicken war klar, dass die beiden die Wohnung gern hätten.
“Guck mal, die Küche könnte man so einrichten, und perfekterweise fährt der Bus zu meiner Arbeit ja quasi direkt vor der Tür. Sogar ein Kellerraum ist dabei”, ließen die beiden demonstrativ verlauten. Weiterhin plauderte man mit der Maklerin nebenbei über Shoppingmöglichkeiten in der Osterstraße und mögliche gemeinsame Bekannte, während alle Mitbewerber nahezu schweigend ihre Bögen ausfüllten.
Als die Maklerin am Ende beim Blick auf den ausgefüllten Bogen der beiden noch ihre Begeisterung für die “tollen Berufe” zum Ausdruck brachte, konnte ich mir das Spielchen kaum noch mit angucken, ohne auf Grund der abstrus aufgesetzten Sitution laut loslachen.
Doch tatsächlich war das Ganze von Erfolg gekrönt - 2 Straßenecken weiter, keine 10 Minuten nach Verlassen der Wohnung, klingelt L. s Handy, und die beiden haben ihre Zusage.
Ich glaube, ich möchte trotzdem weiterhin versuchen durchs Leben kommen, ohne jenes Verhalten zu erlernen und zu perfektionieren. Auch, wenn es vielleicht nur für 2 Zimmer ohne Balkon reicht, dafür ist mein Bad größer… ![]()
Ich konnte mir als Kind nie richtig vorstellen, inwiefern Presse subjektiv sein kann. “Die berichten doch einfach alle über das, was passiert ist”, dachte ich mir. Später erkannte ich dann in der einen oder anderen Berichterstattung doch mal die Meinung des Journalisten durchblitzen.
Wirklich erkennen tut man Subjektivität der Presse allerdings wahrscheinlich vor allem dann, wenn man selbst Ereignisse besucht, über die im Nachhinein berichtet wird oder wenn man in irgendeiner Form Politik macht und mit der Presse zu arbeiten versucht. Denn die größte Subjektivität, die sich wohl auch nie verhindern lässt, entsteht meiner Ansicht nach durch Selektion.
Ein aktuelles Beispiel, an dem mir dies wieder einmal deutlich wird, ist der Auftritt Arnulf Barings bei der Eröffnung der Ballinstadt am Mittwoch. Zur Einweihung des neuen Auswanderermuseums kamen ca. 600 geladene Gäste, um das kleine neu errichtete Dorf in einer fast dreistündigen Zeremonie zu feiern. Dabei wurde immer wieder der Bogen dahin geschlagen, dass auch Deutschland heute ein Einwanderungsland sei und man an Amerika sehen könne, welche Chancen sich dadurch böten, wenn man Einwanderung und Integration richtig gestalte. Selbst Herr von Beust hat dies inzwischen begriffen und ließ es sich nicht nehmen, sich bei dieser Gelegenheit für seine zahlreichen integrationspolitischen Kampagnen feiern zu lassen.
Doch nach zahlreichen Grußworten und etwas Musik folgte dann der Hauptredner der Veranstaltung - Arnulf Baring, laut Programm Historiker und Soziologe. (Laut Iris eine ihr bereits aus zahlreichen Talkshows bekannte ‘Krawallnudel’) Nach einem relativ unverfänglichen historischen Einstieg wurde seine Rede zunehmend populistischer. Dass 2050 voraussichtlich 50% der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund hätten sei alarmierend, die Türken seien das große Problem Deutschlands und der Islam im Grundsatz eine aggressive Religion. Nebahat und ich standen nach jenen Äußerungen demonstrativ auf und verließen das Festzelt. Zwei andere Mitglieder der GAL-Fraktion blieben sitzen und erzählten hinterher, es sei immer schlimmer geworden. Sozialschmarotzerei und ähnliches…
Wie ich gestern erfuhr, war jene Rede beim Empfang der amerikanischen Botschaft Mittwoch abend noch eines der Haupt-Gesprächsthemen, und der amerikanische Generalkonsul zweifelte sogar an, ob er seine Grußworte gesprochen hätte, wenn er von jener Rede vorher gewusst hätte. Die Presse schwieg am Donnerstag jedoch. “Die waren alle nur am Anfang da und haben das nicht mehr so mitbekommen“, vermuteten wir. Deshalb fiel der Entschluss, zu dem Vorfall eine Kleine Anfrage mit PM zu machen.
Doch auch heute schweigt die Presse. Ich bin gespannt auf die Senatsantwort zu der Kleinen Anfrage. Sie müsste ins Sommerloch fallen…
Vorgestern merkte ich, wie tief ich in meiner Diplomarbeit zm Nordirlandkonflikt wirklich drinstecke - in London wurde eine Autobombe entdeckt, und während alle Welt sofort den islamistischen Terror im Kopf hatte, dachte ich als erstes an die IRA, wenn auch nicht in dem Glauben, dass sie tatsächlich dahinter stecken könnte.
Glaubt man einem Artikel im SZ-Magazin vor ca. 2 Wochen, so hat die IRA die Autobombe quasi erfunden. Jene bedeute vor allem wenig Aufwand für große Wirkung, war eine Aussage des Artikels. Beim relativ ziellosen Herumexperimentieren hätten die nordirischen Paramilitärs Anfang der 70er mehr oder weniger nebenbei und verbunden mit dem Verlust einiger ihrer eigenen Leute, die Autobombe entwickelt und immer weiter perfektioniert.
London hatte darunter auch damals zu leiden. Spezielle Mülleimerkonstruktionen und besondere Vorkehrungen an Gepäckaufbewahrungsstellen der Bahnhöfe gibt es in Großbritannien seit Jahrzehnten, und vielerorts, insbesondere in Nordirland selbst, lernte man, mit der ständigen Bedrohung durch Terror zu leben, lange bevor irgendwer in Europa das Wort “islamistisch” überhaupt kannte.
Dass nun, knapp sieben Jahre, nachdem die IRA erstmals Bereitschaft zeigte, sich selbst zu entwaffnen und zwei Jahre nachdem sie nachweislich tatsächlich damit begann, kaum noch jemand (außer mir) an sie denkt, wenn in London eine Bombe gefunden wird, bedeutet tragischerweise auch ein bißchen Hoffnung. Einerseits Hoffnung für Nordirland und Großbritannien selbst - denn es zeigt, dass der IRA-Terror möglicherweise tatsächlich endgültig der Vergangenheit angehört. Andererseits, daraus resultierend, Hoffnung weltweit, dass es, wenn auch langsam und mühsam, gelingen kann, Konflikte zu entschärfen und damit Terrorismus zu verhindern.
In 3 Wochen fliege ich nach Belfast und fühle mich dort wahrscheinlich sicherer, als wenn ich nach London reisen würde. Everything changes…
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