Herbst-Depressionen
Szenerie am heutigen frühen Abend: Zwischen Büro, einer erneut ernüchternden Stippvisite an der Uni sowie dem Beginn meiner Chorprobe klafft ein Zeitfenster, das ich darauf verwende, in der Innenstadt durch die Filiale einer großen Textilkette zu streifen.
Mein Blick fällt auf eine Trainingsjacke, die mich an einen meiner Lieblings-Pullover erinnert. Prompt wird mir bewusst, wie lange ich jenen Pullover nicht angezogen hatte und dass er mir in den letzten Tagen beim allmorgendlichen Grübeln vor dem Kleiderschrank auch nicht aufgefallen ist. Die Gedanken kreisen darum, ob er auf dem Trip nach Istanbul möglicherweise verlorenging oder still und heimlich in der Waschmaschine verschwand. Da ich frühestens vier Stunden später wieder zu Hause sein würde, um mich auf die Suche zu machen, sinkt meine Laune rapide ab und verbleibt in einer Mischung aus Verlustpanik und Resignation.
Es folgt eine kurze - von vielen meiner Sangesgenossinen unverstandene - Heiterkeitsphase, als Chorleiterin Steffi in dynamischer Form einen Tonkreis erläutert. Danach wieder Trübsal, während ich ihr auf dem Heimweg in der S-Bahn von Universitätsverwaltungen und Vermieter-Ärger berichte. Kurz darauf befällt mich ein Ohrwurm: “Wehrt Euch leistet Widerstand, gegen Sklaventreiber hier im Land…”
Jenen von der S-Bahn pfeifend nach Hause schlurfend, mit Martin an der Strippe panisch nach dem Pulli gesucht, welcher sich ganz hinten zwischen rotem und grünem Wollpullibündel vier Minuten später findet, während mein Parteifreund am anderen Ende der Leitung über Schulterschmerzen klagt und behauptet, mit zunehmendem Alter vergehe zunehmend die Lust auf Frauen, Sex und Alkohol. Er ist fünf Tage älter als ich.
Welch ein Tag…


