Im Kampf gegen den unerbittlichen Selbstzerstörungszwang
“Wer nicht hören will, muss fühlen”, lautet ein altes Sprichwort, das suggeriert, durch körperliche Pein lerne man aus seinen vorher begangenen Fehlern. Seit 25 Jahren bin ich in stetiger Hoffnung, dass sich dieses Sprichwort bei mir bewahrheitet - dass ich es schaffe, auf meine innere Stimme und meine Mitmenschen zu hören, die genau wissen, wie falsch es ist, dem stetig wiederkehrenden Juckreiz nachzugeben und sich selbst zu zerkratzen. Bis jetzt hoffe ich erfolglos.
Ich bin froh, dass derzeit Herbst ist, denn so fallen meine von der Neurodermitis geplagten Armbeugen nicht sofort ins Auge, sondern werden meist von Ärmeln verdeckt. Die stetigen Schmerzen beim Beugen und Strecken wecken dennoch immer wieder unvermeidlich die vorwurfsvolle Frage, warum ich dem Juckreiz vorher nachgegeben hatte.
Schlimmer noch schien vor ein paar Jahren die Situation, in der meine Hände der Kratzwut zum Opfer fielen. Ständig offene und sichtbare Wunden ließen mich zögern, Menschen ungezwungen die Hand zu geben, wenn ich nicht gerade - auch im Hochsommer - mit Baumwollhandschuhen herumlief. Mittlerweile sind die Wunden an den Händen verheilt, und jeder BKA-Beamte dürfte sich durch die zurückgebliebenen Narben über meine schnell erkennbaren unverwechselbaren Fingerabdrücke freuen.
Ich kann keine Ratschläge mehr hören! Die Cremes und Hausmittel, welche mir in den letzten Jahrzehnten empfohlen wurden, dürften langsam nicht mehr zu zählen sein. Wirklich geholfen hat in der frühen Kindheit eine strenge Lebensmitteldiät, in den letzten Jahren phasenweise nur die Homöopathie. Dauerhaft bis jetzt jedoch leider auch sie nicht.
Schlimmer als die zahlreichen Ratschläge sind jedoch die stetigen, wenn auch gut gemeinten, Ermahnungen. Der kurze Befehl “Nicht kratzen!” ist in keiner Form hilfreich - läuft er doch, meist bereits bevor er aus fremdem Munde kommt - bereits stetig in meinem eigenen Kopf ab. “Es geht einfach nicht”, muss ich fast jedesmal leidend eingestehen und weiß dabei nicht, ob ich mich mehr über mich selbst oder über den altklugen Ratgebenden ärgern sollte.
Mit einem Freund von mir geriet ich darüber eine Zeitlang regelmäßig in Streit. “Kratz nicht!” - “Ich muss, es geht nicht anders” - “Du musst überhaupt nicht, reiß Dich einfach zusammen!” Derartige Dialoge brachten mich regelmäßig auf die Palme. So lange, bis er eines Tages von einer Bremse gestochen worden war und sich unerbittlich sein Bein rieb. “Du darfst nicht kratzen”, ermahnte ich ihn damals ein bißchen schadenfroh. “Ich muss, es geht einfach nicht anders”, kam zur Antwort. “Reiß Dich zusammen, dann geht das”, erwiderte ich. Danach war das Thema zwischen uns erledigt…
In jenem Fall stimmte das Sprichwort: “Wer nicht hören will, muss fühlen!” Ich hoffe, auch ich schaffe es irgendwann, auf meine innere Stimme zu hören und dem Juckreiz zu widerstehen. Noch viel lieber gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass ich ihn irgendwann aus meinem Leben werde verbannen können. Bis dahin geht der Kampf gegen mich selbst tagtäglich weiter.



am 24. November 2007 um 18:29 Uhr.
Manchmal möchte man einfach ein Bad in Kortisonsalbe nehmen… Scheiß auf Harnstoff, Eichenrinde und Co…
Es versteht dich
die Jana