Ein halber Tag “handy-frei” - einige Gedanken zum Prozess von der Ablehnung zur Abhängigkeit
Die Erkenntnis traf mich heute um kurz nach 14 Uhr im Bus Richtung Büro: “Ich habe mein Handy zu Hause liegen lassen!” Kurz überlegte ich, wieder auszusteigen und zurück zu fahren, entschied mich dann jedoch dagegen…
“Ich kann ja meiner Mitbewohnerin (die gerade Urlaub hat) eine SMS schicken, dass sie dran gehen soll, falls es klingelt“, überlegte ich mir und wurde mir gleich im nächsten Moment der abstrusen Unlogik dieses Gedankens bewusst, die allerdings der deutlichste und erschreckendste Beweis dafür war, wie sehr ich mich an mein kleines Telefon als ständigen Begleiter mittlerweile gewöhnt habe.
Dabei ist es gerade einmal rund 10 Jahre her, dass ich über all jene, die meinten, ein Handy unbedingt zu brauchen, nur schmunzeln konnte. Mobiltelefone hatten damals noch ein Ausmaß, das nahe an Baseballschläger heranreichte, und eine Schulkameradin setzte sich intensiv damit auseinander, welches Modell ihren Kommunikationsbedürfnissen wohl am ehesten entsprach, was bei den meisten derer, die sie mit ihren Überlegungen konfrontierte, nur zu Achselzucken und Unverständnis führte.
Fast unmerklich wurden es daraufhin jedoch immer mehr Menschen, die sich ein Handy zulegten, während ich mich mit dem Hinweis, dass ich so etwas noch nie gebraucht hätte, kontinuierlich weigerte.
Die Wende brachte mein Führerschein. Meine Mutter bestand nun darauf, dass ich mir endlich ein Handy zulegen solle, um im Notfall - wenn ich nachts auf der Landstraße liegen bliebe - Hilfe holen zu können, ohne aussteigen zu müssen. Widerwillig übernahm ich in Folge dieser mütterlichen Hartnäckigkeit den “Totschläger” unserer Nachbarin mit einer Prepaid-Card und beharrte darauf, dass ich ja niemandem die Nummer geben müsse, wenn es eh nur für den Notfall gedacht sei.
Natürlich ließ sich dieser Vorsatz nicht lange aufrecht erhalten. In der Schule sorgte ich allerdings bis zum Abitur regelmäßig für Erheiterung, wenn ich mein veraltetes Telefon aus der Tasche zog, und auch in der Abi-Zeitung betitelte mich ein anonymer Mitschüler als “die mit dem Totschläger”…
Mittlerweile habe ich (allerdings erst seit ca. einem Jahr) gar einen Vertrag und ein relativ modernes Nokia-Modell. Jenes legte ich mir kurz nach dem Beginn meiner Tätigkeit als Bürgerschaftsabgeordnete vor allem deshalb zu, weil es eine sehr übersichtliche Kalenderfunktion beinhaltet, die sich mit meinen Terminen in Outlook synchronisieren lässt. Bei der Beratung in einem großen Elektronik-Fachgeschäft hätte mir der Verkäufer eigentlich gern einen “BlackBerry” angedreht, wie mir schien. “Wenn Du Dir so einen kaufst, verfolgt Dich Deine Arbeit Tag und Nacht“, warnte mich der Freund, welcher mich begleitete. Somit entschied ich mich dagen. Mal sehen, für wie lange…


