Stilblüten der Wahlkreiskorrespondenz: Die Hamburger CDU und die Frage der Cannabis-Legalisierung…
Ist Hamburg eine “kiffende Stadt” oder auf dem Weg zum “Weltkaff”? Eine spannende Diskussion über derartige Formulierungen fechtet derzeit ein CDU-Bürgerschaftskollege mit einem Hamburger Bürger (Herr R.) in einer Briefkorrespondenz aus, die mir Ende vergangener Woche zur Info ebenfalls zuging und deren Lektüre mich gut erheiterte.
So ist der engagierte Briefeschreiber der Ansicht, eine Cannabis-Legalisierung würde Hamburg wirtschaftlich weit nach vorne bringen. “In einer modernen globalisierten Welt wandern die talentierten Menschen einfach ab, wenn es einen Abbau von Bürgerrechten gibt. […] Kein normaler Mensch träumt davon, nach Salt Lake City oder Riad zu fahren. Eher nach Vancouver, Las Vegas oder Amsterdam” führt er aus. Und gibt auch gleich Tipps, wie man im Rahmen der Cannabis-Legalisierung außerdem jede Menge Touristen für unsere Hansestadt begeistern könnte: mit einem Coffee Shop in der Speicherstadt und einem jährlich veranstalteten Hanffest beispielsweise. “Unser Hanffest wäre viel sicherer als das Oktoberfest. Wir hätten gute Musik statt Lärm. Und Frieden statt sinnloser Schlägereien“.
Wie an dieser Stelle bereits angedeutet, sieht der schreibfreudige Bürger in der Legalisierung von Cannabis zudem ein schlüssiges Konzept gegen Gewalt auf dem Kiez. “Die Leute werden von Cannabis nicht psychopathisch, sondern eher nachdenklicher. Und davor hat der Staat Angst. Wenn die Stadtregierung ernsthaft die Gewalt in St. Pauli reduzieren möchte, dann sollte es einen Coffeeshop auf der Reeperbahn geben. Schließlich schlitzen sich die wahren Psychos nicht mit Jointenden auf.”
Meinen Bürgerschaftskollegen von der CDU kann diese Argumentation jedoch nicht überzeugen. Daher führt er aus, wie die Kriminalität durch eine Legalisierung erst vorangetrieben würde: “Die von Ihnen genossenen Drogen werden meist unter Ausbeutung der lokalen Bevölkerung angebaut. An dieser Stelle darf ich Sie daher darauf hinweisen, dass Sie ‘das Unrecht dieser Welt’ unterstützen’“, so seine Erläuterung.
Auch überzeugen ihn die rosigen wirtschaftlichen Prognosen nicht. “Ihrer Prognose muss ich entgegenhalten, dass Cannabiskonsum äußerst erschlaffend wirkt, so dass eine Legalisierung unsere schöne Stadt viel eher auf den Weg zum ‘Weltkaff’ bringen würde, als es die Cannabis-Prohibition tut.”
Dabei hatte Herr R. bereits vorher ausgeführt, dass seiner Ansicht nach jeder, der arbeite und Steuern zahle, als verantwortungsvoll genug eingestuft werden könne, um über einen vernünftigen Umgang mit Rauschmitteln eigenständig zu entscheiden. “Wäre die ganze Propaganda wahr, dann wären die Nahverkehrszüge und Straßen längst leer, denn […] ehrlich gesagt: wer Probleme mit Cannabis bekommt, kommt bestimmt nicht einmal mit Leitungswasser klar“, erläutert er.
Ein weiterer Streitpunkt zwischen Bürger und CDU-Politiker sind die gesundheitlichen Folgen des Konsums. Die Politiker-Bedenken bezüglich einer Einschränkung der Fortpflanzungsfähigkeit wischt Bürger R. mit vernichtenden Argumenten vom Tisch: “Es gibt zwei Völker, die seit Jahrtausenden gekifft haben. Und wollen Sie behaupten, dass es zu Beginn des 22. Jahrhunderts keine Inder oder Chinesen mehr geben wird?!”
Welche Ansicht sich langfristig durchsetzen wird, bleibt wohl abzuwarten und hängt - wie meist in der Politik - von jeweiligen Mehrheitsverhältnissen ab… doch sogar jene scheinen strittig unter den Briefeschreibern. “Es ist durchaus Absicht der Bundesregierung - übrigens nicht ohne Legitimation der Bevölkerung - Hamburg so weit wie möglich eine ‘kifferfreie’ Stadt werden/bleiben zu lassen“, erläutert der Christdemokrat, und bringt seine Meinung auf den Punkt mit: “Wenn es nach meiner Meinung - und jener der CDU - geht, so wird kiffen tatsächlich für immer illegal bleiben” Ob damit tatsächlich das letzte Wort gesprochen ist, bezweifelt Bürger R.. “Es gibt offiziell 1,5 Millionen Kiffer und nur 532 000 CDU-Mitglieder“, stellt er fest.
Somit geht der literarisch meisterwerkliche Streit in die nächste Runde. Ich freu mich drauf!


